« Le voyage de la vie est court.
Essayons de le faire en première classe. »
Philippe Noiret2008 starb Horst Jüssen, der Dan Aykroyd der deutschen Comedy-Siebziger. Hier in einem Sketch mit einer Muse seines damaligen Regisseurs, dem später suizidal erfolgreichen deutschen Comedy-Pionier Michael Pfleghar: Wencke Myrhe singt irgendwas auf Norwegisch und der investigative Ansatz von Horst Jüssen sowie Farbe und Form Sessel beweisen, dass auch Anne Will und Markus Lanz nur von „Klimbim“ klauen. Es fehlen eigentlich nur der Lanzsche Beinüberschlag und das mit-an-und-abgewinkelten-Beinen-ganz-vorne-auf der Sesselkante sitzen. Und natürlich singt in aktuellen Talkshows niemand so schön wie die damalige Frau Pfleghar in spe.
Die unglaubliche „Talkshowgast-Gesten-Choreografie“, die das KLIMBIM-Ensemble mit Ingrid Steeger und dem gerade ebenfalls verstorbenen Peer Augustinski abliefert (Bastian Pastewka schreibt hier einen schönen Nachruf), lässt ahnen, was für kraftzehrende Probenarbeit hinter jeder KLIMBIM-Folge steckte und wie viel handwerkliches Können einem in allen Theaterdisziplinen abverlangt wurde, wollte man in den 1970ern im TV Comedy machen. Das Ergebnis ist allemal ein Sketch, der heute hält, was man ihm damals nicht zutraute.
Reklame ist etwas, an das alle Menschen gewöhnt sind. Nachts rast Birne über die Stadt hin und her und zeichnet eine gelbe Schrift an den Himmel. Sie heißt: „Pipi trinken!“ – „Wir haben kein Pipi“, sagt der Wirt. – „Wir wollen aber Pipi“, sagen die Gäste und rufen, „Pipi, Pipi, Pipi!“Aus: Günter Herburger, Birne kann noch mehr; S. 33 ff. Luchterhand 1971
Auffällig ist, wie kritik- und kriterienlos Kunden grafischer Dienstleistungen auftreten. Wenn es um Fußball oder das Auto geht nimmt es der Teutone ganz genau. Er informiert sich, er weiß Bescheid und er legt gern Geld für Stadionticket und einen schicken neuen Flitzer hin. Mit Grafik ist das anders. Wäre Fußball eine grafische Dienstleistung, wüßte der Durchschnittsbürger Bayern München nicht von einem Regionalligaverein zu unterscheiden (gut, das geht auch den Leuten mit Kenne derzeit so) und man könnte ihm erzählen, der Ottomotor sei von einem greisen ostfriesischen Komiker erfunden worden. Davon profitieren die Wegelagerer des grafischen Gewerbes, die erfolgreich Drittliga-Gestaltung als High-End-Grafik anpreisen (und abrechnen). Ein Auszug aus der philosophischen Abteilung eines digitalen Dienstleisters:
„Kreativität ist ein schöpferischer Prozess, der nicht erlernbar ist sondern nur als eine vorhandene Gabe entdeckt und angenommen werden kann. Diese Gabe gilt es zu entdecken und zielgruppenorientiert und kundenspezifisch einzusetzen.“
Eine Gabe, die ein Prozess ist, der angenommen werde kann. Aha, aha. Herr Präsident, ich nehme die Kreativität an, sowahr mir Gott helfe. Und die Rubrik „unsere Philosophie“ ist nur eines der gern betretenen Fettnäpfchen in den Selbstdarstellungen grafischen Wegelagerertums, das gern in Begleitung von überheblichem Schwulst mit als Serviceleistung getarntem Dilettantismus große Teile Marktes überschwemmt.
Kreativität als schöpferischen Prozess weder entdeckt und angenommen haben die beauftragten Gestalter eines beliebten Open Airs, dessen bewerbendes Portal bei der Auftragsvergabe entweder strunzbesoffen oder pathologisch ästhetikresistent gewesen sein müssen – hier das Ergebnis der [sic!] schöpferischen Prozesse des sich gleich unter dem Seitenkopf mit einem saftigen „powered by“ in Szene drängende Webdienstleisters:
Das hat den ästhetischen Charme einer Internet gewordenen Powerpointpräsentation der Klofrau des Hausmeisters, das ästhetische Unterlassungsdelikt fällt aber niemand auf, denn die Kundschaft scheint so blind wie die Dienstleister. Noch ein Beispiel, diesmal aus der Welt der analogen Herrlichkeiten: Um ein 17.000köpfiges Publikum – so viele gehen in die Berliner O2-Arena – warben die Ostrock-Veteranen „Die Puhdys“ mit den folgendem visuellen KO-Tropfen samt typografischer Vergewaltigung:
Gut, man kann schon sagen: „Bei denen ist das egal, die füllen in Ostberlin jede Halle, auch wenn sie benutztes Klopapier anschlagen.“ Natürlich. Man kann auch ein perfekt gegrilltes Filetsteak in eine Pappschale werfen und im zugigen Bahnhofsgrill neben irgendeinem nach Pisse stinkenden Faktotum servieren. Man kann das machen und es wird gemacht, weil es wirtschaftlich Sinn macht: Wenn man ihr lange genug Scheiße aufs Auge haut, wird die Kundschaft am Ende blind. Und das Gesetz der größten Schnittmenge lehrt: Blinde brauchen keine Blümchentapete.
Natürlich ist das alles ganz weit hergeholt. Am Ende geht Scheiße natürlich doch nicht für Gold durch, und die Kundschaft macht – und das ist der Immobilienskandal der Grafikbranche – schließlich kein Geld mehr für Plakate und Internet locker, weil sie in jeder Hinsicht mit nichts Gutem mehr rechnet.
Und das ist scheiße.
Es stellt sich heraus, dass Truman zwar die Flucht aus dem Studio gelungen ist, dass im weiteren Leben zwar die Welt echt, alle Menschen um ihn herum indes weiterhin Schauspieler sind. Nur wo sind die Kameras? Wer führt diesmal Regie? Für wen wird produziert? Gibt es irgendwo auf der Welt Menschen, deren Drehbuch nicht schon geschrieben ist?
Stand der deutschen Rechtschreibung: Der offizielle Vertreter des Opernballs schreibt in Prominentenadressen von Standarttänzen. Und von seiner riesen Freude.
Javaanse Jongens – eine Anzeige aus der TITANIC 5/1982. Diese Tabakpackung wurde noch aus in Plastik eingeschweißtem Papier hergestellt, statt „Frischeverschluss“ an der Lasche versehen mit einem Stückchen transparentem Klebeband. Man drehte drei Zigaretten, dann war alles ausgeleiert und nirgendwo mehr dicht, und gerade der dünner alle anderen shags geschnittene blondkräuslige Javaanse trocknete dann superschnell aus und sein Aggregatzustand wechselte ins pulvrige, wenn man in der Folge weiter versuchte, aus ihm Zigaretten zu drehen – was den geneigten Kriegsdienstverweigerer, Latzhosenträger und Landkommunenhippie dazu brachte, zur Tabakfeuchthaltung Kartoffeln, Möhren und anderes billiges Gemüse scheibchenweise in die Packlung zu verbringen. Herrliche Zeiten.
Kein anderer Tabak roch je so gut wie der Inhalt meines ersten Päckchens Javaanse, das ich 1980 an einem sonnigen Frühsommerabend auf dem Weg zur potentiellen Liebsten im niedersächsischen Kaff Oelber am weißen Wege am hölzernen Bahnhof eines niedersächsischen Kaffs namens Baddeckenstedt öffnete. Als ich mir dort eine Zigarette drehte kam ich mir vor wie eine Mischung aus Gary Cooper und Lucky Luke, der damals auch noch rauchte.
1982 war der in der Anzeige abgebildete VW-Bus übrigens noch kein Oldie, der bei MTV plöde gepimpt wird, sondern ein billig zu bekommender alter Kleinlaster, mit dem man tatsächlich umzog oder mit der ganzen bekifften Sippe nach Indien fuhr – zwecks Einholung von Gelbsucht, Verdauungsstörungen und Bewußtseinserweiterung. 1982 waren in einer Packung Tabak 50 Gramm Feinschnitt (statt heute 33 Gramm) und der Spaß kostete, um mal gerade ein paar Jungsüchtige neidisch zu machen, umgerechnet 1,45 Euro. Ohne Blättchen jetzt.
Lustig, dass der milde Javaanse heute Classic heißt, damals war der etwas stärkere halfzware klassisch und konkurrierte mit der ebenfalls blauen DRUM-Tüte von Douwe Egberts. Der milde galt damals außer bei den Mädchen als ausgesprochener Mädchentabak: tatsächlich gab es kaum eine knospende dreizehnjährige (natürlich nirgendwo rasierte) Ökoschönheit, die nicht zwischen zwei Runden deoversagendem Petting in den Teestuben der Jugendzentren den milden Javaanse auf ihrem patschuliduftgeschwängerten indischen Viskosekleid verkrümelte.
Der geneigte Kavalier mit Hang zur Individualität rauchte übrigens damals zwischen zwei Sets mit seiner Fusion-Jazz-Band gern den starken Javaanse, der widerum sehr mit dem Pendant von VAN NELLE konkurrierte und sogar noch billiger war als der Milde; das war eben früher auch anders: wer sich mehr Teer auf die Lungen zergelte, kam billiger weg. O tempora o mores. Hust.
In diesem Sinne: freuen Sie sich schon jetzt auf die nächste lustige Achtzigerjahre-Tabakwerbung aus der TITANIC und neue Geschichten aus der Zeit, als das Rauchen noch nicht tödlich war. Weiter mit Musik!
Jeder zweite Marketinghorst sagt mir: „Eine Botschaft, die gut ist wird, automatisch verbreitet.“ Diese Marketing-Binse ist meiner persönlichen Erfahrung nach Blödsinn, denn sie setzt voraus, dass der Motor des Markts Begeisterung sei. Maß der Dinge sind jedoch Begeisterungsanalysen auf der Basis von selektiv erhobenen Uraltdaten, die von zaudernden Strategen so lange geglättet wurden, bis sie theoretisch das Rezept für garantiertes Gelingen wurden, die Legierungsformel des heiligen Grals, der tödliche Witz, das Perpetuum Mobile programmierbarer Multimedialextase.
Theoretisch.
Komisch, dass das Ergebnis nur immer wieder an Science-Fiction-Filme erinnert, in denen sich Menschen auf Basis des angeblich perfekten Genmaterials wieder und wieder klonen, bis der Genpool nur noch eine kraftlose sieche Suppe ist.
Nein, die wirklich gute Botschaft verbreitet sich nicht, denn ihr Wesen und das des Mainstreams schließen sich aus. Erst der tote Künstler verliert seinen Vorsprung und wird vom Mainstream überholt: wie viele erzielen ihre Höchstpreise posthum!
Nein, Marketinghorst. Echte Originalität ist viel zu wenig steuerbar und lässt sich daher nicht verkaufen. Wer sie trotzdem anbietet, lügt entweder oder er arbeitet nicht im Marketing, weil er als genial aber tja-leider-unberechenbar gilt.
Ich verzichte auf die Mediadaten und nehme stattdessen noch eine Flasche Pommes Frites.
Gedanken leider nicht nur zu zu Marine Le Pen und dem amerikanischen Toupetträger
Wann immer Arschlöcher an der Regierung sind, die die Intelligenz, die Menschenliebe und die Integrität des Planeten beleidigen und die gern auch mal das Leben der Menschheit aufs Spiel setzen, muss man sich immer wieder vor Augen führen, dass es Menschen sind, die Stimmung für diese Arschlöcher machen und Menschen, die diese Arschlöcher in ihre Posten wählen. Und immer wieder Menschen, die zu träge sind, sich zu informieren, also mündig zu machen, ihre Stimme zu erheben und sei es nur, indem sie beispielsweise ihr Wahlrecht ausüben; dieses Wahlrecht, für das Menschen bis zum Tod gekämpft haben und noch kämpfen müssen.
Frohes Fest.
Für die Deutschlandpremiere in Berlin hatten sie nur so ein mittleres kleines Theaterchen angemietet und nicht mal genug getrommelt, damit der liebe Herr Müller ein volles Haus hatte. Die Leute von Juniwörsl scheinen sich keinen großen Umsatz von ihm zu versprechen und entsprechend nicht viel vorzuhaben mit ihrem Ausbilder. Was verständlich ist. Denn der Herr Müller ist wirklich witzig. Sie werden ihn also niederpochern.
Sven K. – JournalSven Knoch2026-09-14T02:38:49+02:00
