… in der Zeit, als Männer noch richtige Männer, Frauen noch richtige Frauen und kleine pelzige Wesen von Alpha Centauri noch richtige kleine pelzige Wesen von Alpha Centauri waren … (Douglas Adams: „Per Anhalter durch die Galaxis“)
Stefan Niggemeier nimmt Abschied von Bambam, seinem Hund. Er tut das so berührend, dass ich an die Engel in Wim Wenders’ Himmel über Berlin denke, wenn sie zu den Sterbenden eilen, um ihnen Trost zu spenden, indem sie sie an die prägenden Momente ihres Lebens erinnern.
Sein Hundefutter will er nicht mehr, aber Würstchen liebt er immer noch. Fuck it, habe ich mir gedacht, es gibt wirklich keinen Grund mehr dafür, darauf zu achten, dass er sich gesund ernährt: Wenn ihn Würstchen noch glücklich machen, kriegt er halt Würstchen ohne Ende.
Da sind wir, uns wir fühlen uns wichtig. Für einen Moment vergessen wir unsere Sterblichkeit, weil wir eine Aufgabe erfüllen. Die Aufgabe ist ein Vergessmittel, eine Droge. Vielleicht überlebt es uns sogar, das, was wir im Dienst der Aufgabe getan haben? Wir halten uns fest an Mikrofonen und Kameras, Dingen die Spuren von dem festhalten, was unbedingt verschwinden wird: wir. Verbrannt, verscharrt, vergessen. Wer erinnert sich noch an den Bäcker Joe Kowalski, der in der 13., Ecke Union Square in New York von 1902 bis 1943 die besten Bagles der Stadt machte? Wer erinnert sich an seine Frau Aneta, die die Sonne aufgehen ließ, wann immer sie das Ladenlokal betrat? Und an all die Kunden, die Aneta und Joe als das größte Traumpaar aller Zeiten feierten? Wer erinnert sich an ihre rauchige Stimme und ihr unwiderstehliches Lächeln? Wer erinnert sich an Joes chaotisches Wesen, den Wirrkopf der nur dann voll konzentriert schien, wenn er seine Bagles ins Honigwasser tauchte? Niemand. Kein Wunder, denn ich hab’ ihn gerade erfunden. Oder nicht? Sehen Sie.
Wem bedeutet es hierzulande etwas, dass in Amerika gerade Walter Cronkite gestorben ist, der Mann auf dem Foto da oben? Walter Cronkite, der Hajo Friedrichs der USA. Wer war Hajo Friedrichs? Sehen Sie. Walter Cronkite. Hinter seinem Mikrofon mit dem Telefon am Ohr sieht er so aus, als lebe er im festen Gefühl (und er gibt es an uns weiter), alles würde immer so weitergehen, als würde alles immer existieren, so wie er und seine Aufgabe: „to hold up the mirror – to tell and show the public what has happened“. Dabei ist nichts für ewig und es kommt für alle der Tag, an dem sie nur noch ein Katzenleben haben oder weniger. Ob wir Bagles backen, die Liebe unseres Lebens finden, ob wir den Flugschein machen, um in ein Haus zu fliegen oder ob wir über all dies berichten.
Das Mikrofon ist nicht wichtig.
Wichtig sind die Menschen, die unsere Hand halten, bis wir wieder verschwinden. Die sind auch da, wenn wir das Mikrofon nicht mehr halten können. Und werden wie wir, aber was können wir schon dagegen tun, vergessen von einer Spezies, die nicht mal so einen Kleinkram wie Ewigkeit oder die Unendlichkeit des Universums begreift. Wie Walter Cronkite immer sagte: „And that’s the way it is”.
Weiter mit Musik.
Was machen wir nur immer mit der Sehnsucht, wenn wir uns endlich jeden Tag sehen? Sagen wir auch diesmal, und diesmal für immer: diesmal wird alles ganz anders. Anders gesagt: je t’aime.
Wo wir dabei sind…
Und, nur so, um diesen Eintrag dramatisch zu beenden:
Paris, Theater Bobino 1972. Georges Brassens vor den Zugaben. Brassens im Gegenlicht des Verfolgerscheinwerfers auf dem Weg zur Rampe, breitschultrig unter dem Jackett, ein Chanson-Handwerker im Sonntagsstaat, die Gitarre im Schallloch haltend wie einen Werkzeugkoffer. Das kleine Bobino-Theater rappelvoll, das Publikum hingerissen, überall Lachen, Applaus. Erinnert an Fotos von Johnny Cash, Auftritt im Folsom State Prison, fünf Jahre zuvor. Authentizitätsarbeiter waren beide allemal. Brassens. Cash.
Als ich klein war fürchtete ich mich vorm altwerden, weil ich dachte, dann trinkt man plötzlich in Partykellern Apfellikör, hört Peter Kraus und wartet auf den Tod.
Ach was. Stattdessen geht’s zu dem, was von YES übrig ist. Wahrscheinlich glauben unsere Kinder, wenn sie alt sind müssen sie Jon Anderson und Rick Wakeman hören und Bionade trinken.
Wahrscheinlich wird das nicht passieren.
Wahrscheinlich werdet ihr einem achzigjährigen Justin Bieber applaudieren und Robbie Williams Inkontinenzwindeln zum Signieren ins Altenheim schicken.
http://kikoshouse.blogspot.de/2011/10/concert-review-jon-anderson-rick.html
Aus „Die schöne Geschichte von der hässlichen Kröte und andere Gemeinheiten“, LAPPAN, Oldenburg, 1999. Original: „Les chroniques de la haine ordinaire“, Éditions du Seuil, Paris, 1987. Deutsch von Sven Knoch, Lektorat: Peter Baumann.
16. Juni 1986
Setzen wir einmal voraus, die Norm definiere denjenigen als menschlich, so er nur zwei Arme und zwei Beine sein eigen nennt, dann lassen es die in diesem Sinne normalen Menschen immer wieder senderübergreifend über sich ergehen, wie schwitzende Horden in kurzen Hosen auf Rasenflächen so entwürdigende wie klobige Verrenkungen ausführen, im Streit um die lächerliche Ehre, Meister des Ballspiels mit dem Fuße zu werden.
Hier ist der Unterschied zwischen dem Affen und dem Menschen: der Erstgenannte hat entweder zu viele Arme, oder zu wenig Beine, um sich zum Fußballspielen herabzulassen.
Fußball. Welche Sportart ist schwachsinniger, plumper und weniger graziös als der Fußball? Welche Art von Harmonie und Eleganz soll ein primär ästhetisch empfindender Mensch im unbeholfenen Herumgerenne von zweiundzwanzig behaarten Vollidioten finden, die einen aufgeblasenen Ledersack wie einen Haufen Scheiße durch die Gegend treten, und die dabei das ordinäre Röcheln verendender Ochsen hervorbringen?
Welcher notgeile Straßenköter, welcher noch so räudige, verlauste Streuner würde es wagen öffentlich seiner Libido Ausdruck zu verleihen so wie Fußballer es tun, wenn sie im Achterpack unter wildem Schulterklopfen mit ihren fettfeuchten Pranken übereinander herfallen, begleitet von affigen Kehllauten, die jeden Dorfrocker vor Neid erblassen lassen? Welcher noch so abgebrühte Schläger, welches noch so hirnlose Monster aus einer dieser Weltuntergangssekten würde mit so viel Freude über Leichen gehen, wie wir es vor Jahren im belgischen Heyselstadion live miterleben durften, als alle mal wieder vor Freude ausgeflippten und es dabei schließlich auf 40 Tote brachten – nur weil das Ballaballa nicht dahin gekickt wurde, wo es ihnen lieb gewesen wäre?
Fußballer – ich hasse Euch. Nur einmal habt ihr mich vom Hocker gehauen, damals bei der Weltmeisterschaft in Mexiko. Als ihr von den aztekischen Fritten den mexikanischen Dünnschiss bekommen hattet. Ach, wie hätte ich mich abgerollt, wenn die Amöben die Kicker noch bis zum Ende des Turniers ins gesundheitliche Abseits manövriert hätten, aber das hat der liebe Gott ja nicht gewollt. Was mich nicht besonders erstaunt. Denn auch Gott ist einer von euch. Er ist wie ihr, Fußballer. überall, zu jeder Zeit, und was man auch tut, wo man sich auch verkriecht, man entkommt ihm nicht.
Schon als ich klein war, dachte ich lange, ich sei irgendwie anomal, weil ich Fußball schon damals nicht abkonnte. Ich lehnte es hartnäckig ab, Fußball zu spielen, ob in der Schule oder auf der Straße. Also riefen sie mir nach: «He, da kommt unser Mädchen!» oder «Na, wieder krank?» So sehr ist war die Idee der Abnormität fest verbunden mit der des Nichtfußballers.
Aber ich zeig’s Euch. Ich war zum Beispiel nie krank. Und was die weiblichen Züge angeht, mit denen ihr mich aufgezogen habt, sie sind nach wie vor ein Teil von mir, und sie bringen mich dazu, dass ich, wenn ich läufig bin, die Gesellschaft von Frauen suche. Und zwar Eure inbegriffen. Ihr müsst nicht glauben, dass ich davor zurückschrecke, mir in aller Ruhe mit ihnen die Zeit zu vertreiben, während ihr in den Stadien herumzuckt.
Ätsch, bätsch.
Die Welt dreht sich weiter
Sachma nix
Der Frühling lugt um die Ecke
Wenn jetzt Worte wären
Würde Hanns Dieter Hüsch was erzählen
Sachma nix
Bei einem Stücksken Aprikosenkuchen
Unterm Regenbogen in einer niederrheinischen Viehversteigerungshalle
Im Frühling kann man seine Stimme hören
HDH, Niederrhein, Free Jazz und Progrock
Plötzlich ist das alles wieder da
Auch in Berlin und
HDH
Der Hüsch
Längst ein Gänseblümchen
Kichert sich eins
Nebenbei gekichert
Wie nur Hüsch verhuscht
Nebenbei kicherteSachma nix
Die Welt dreht sich weiter
Bald sind auch wir Gänseblümchen
Und Schlüsselblumen
Und kichern auf einer niederrheinischen Wiese
Mit der Frühlingssonne
Um die WetteSchade nur, dass wir das dann nicht mehr mitkriegen
Aber das ist uns dann auch egal
Denn der Hüsch lugt um die Ecke
Und der liebe Gott serviert AprikosenkuchenDieses Bild entstand am Flughafen „Konrad Adenauer“ um 01:09 Uhr in der Nacht zum Startschuss des kölschen Straßenkarnevals.
Ein Beispiel für großartige Werbung: hundertprozentiger Mut zum Understatement – das Produkt ist nicht im Bild, sein Name auch nicht. Da aber in Köln die Farbe Rot mit dem Produkt „FRÜH Kölsch“ untrennbar verbunden ist und zudem die Kampagne lange eingeführt ist, kann man dieses Motiv wagen. Und offensichtlich hat sich die Agentur auch gegen ein beliebtes Kundenargument durchgesetzt: „Ja, ävver do es doch noch Platz op datt Plakaaaat. Do kann man doch noch jet hinschrivve!“ („Da ist doch noch Platz auf dem Plakat, da kann man doch noch was hinschreiben.“) Nein. Genau so ist es witzig. Was die Agentur Counterpart da für das Kölner Nationalgetränk tut, spielt in einer Liga mit der allseits geschätzten ewigen LUCKY-STRIKE-Kampagne, die die Agentur GREY seit 1989 (!) fährt.
Stand der deutschen Rechtschreibung: Der offizielle Vertreter des Opernballs schreibt in Prominentenadressen von Standarttänzen. Und von seiner riesen Freude.
Jeder zweite Marketinghorst sagt mir: „Eine Botschaft, die gut ist wird, automatisch verbreitet.“ Diese Marketing-Binse ist meiner persönlichen Erfahrung nach Blödsinn, denn sie setzt voraus, dass der Motor des Markts Begeisterung sei. Maß der Dinge sind jedoch Begeisterungsanalysen auf der Basis von selektiv erhobenen Uraltdaten, die von zaudernden Strategen so lange geglättet wurden, bis sie theoretisch das Rezept für garantiertes Gelingen wurden, die Legierungsformel des heiligen Grals, der tödliche Witz, das Perpetuum Mobile programmierbarer Multimedialextase.
Theoretisch.
Komisch, dass das Ergebnis nur immer wieder an Science-Fiction-Filme erinnert, in denen sich Menschen auf Basis des angeblich perfekten Genmaterials wieder und wieder klonen, bis der Genpool nur noch eine kraftlose sieche Suppe ist.
Nein, die wirklich gute Botschaft verbreitet sich nicht, denn ihr Wesen und das des Mainstreams schließen sich aus. Erst der tote Künstler verliert seinen Vorsprung und wird vom Mainstream überholt: wie viele erzielen ihre Höchstpreise posthum!
Nein, Marketinghorst. Echte Originalität ist viel zu wenig steuerbar und lässt sich daher nicht verkaufen. Wer sie trotzdem anbietet, lügt entweder oder er arbeitet nicht im Marketing, weil er als genial aber tja-leider-unberechenbar gilt.
Ich verzichte auf die Mediadaten und nehme stattdessen noch eine Flasche Pommes Frites.
I like the term “gaslighting” and it comes from classic [Patrick] Hamilton, I understand. I think I’ve heard it in reference to Trump, in terms of gaslighting the whole f*cking country.David Thewlis
Sven K. – JournalSven Knoch2026-09-14T02:38:49+02:00
