Ja, das Meer ist blau, so blau und das geht alles seinen Gang / Und wenn die Chose aus ist fängt’s nicht von vorne an. (Weill/Hauptmann/Brecht; Happy End, 1929)
„Es ist hart von Hartz IV zu leben, verheerend jedoch ist das Gefühl der Ausgegrenztheit. Dieses Gefühl wird durch die Konfrontation mit dem verstärkt, das Macht und Luxus derjenigen betont, die zentral in der Gesellschaft stehen.“
Schön, was? Stand in der Süddeutschen Zeitung.
Die Süddeutsche Zeitung zu lesen, so der Stuttgarter Journalist Günther Kress, sei pures Vergnügen. Geht an. Meistens.
Als nicht vergnüglich konnte man ansehen, dass sie die innovative Beilage „jetzt“ unter dem Vorwand finanzieller Probleme einstellten um kurz darauf die doppelt so dicke reaktionäre Beilage „Golf spielen“ nach vorn zu bringen.
Als ebenfalls nicht sonderlich vergnüglich kann man es ansehen, wenn relative Personen der Zeitgeschichte – wie etwa abgehalfterte Tennisspieler mit Wortfindungsstörung – in fast kultischer Verehrung seitenweise interviewt werden, und das ausgerechnet zu dem Thema, in welchen Frauen sie mit ihrem erigierten Dödel lustlos herumgestochert haben.
Neuerdings gewähren sie Autoren von Leitmedien wie „Vanity Fair“ und „Matador“ im Magazin publizistisches Asyl.
Und zur Verstimmung am Sonntag kann es führen, wenn eine Journalistin im großen Interview der Wochenendbeilage über sechs Spalten schwärmen darf, dass für sie die Neureichen die größte kulturelle Kraft darstellen, die wir haben.
„Verheerend ist das Gefühl der Ausgegrenztheit. Dieses Gefühl wird durch die Konfrontation mit dem verstärkt, das Macht und Luxus derjenigen betont, die zentral in der Gesellschaft stehen.“
Stand in der Süddeutschen Zeitung.
PS: Dass der Spiegel nach dieser Woche voller SZ-Enttäuschungen mal wieder mit seinem Lieblings-Covergirl Adolf Hitler auf dem Titel Quote holen will, passt irgendwie ins Bild.
„il y a une phrase qui me hante depuis tout petit: ’ne pleurez pas les morts pleurez les vivants‘. Ça ne va pas être facile…“Kên Higelin
Higelin est parti – Morrison est en bonne compagnie.
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— Wismerhill (@CedricLeChaton) April 12, 2018
„La grande Brigitte m’a envoyé un mot au téléphone. Elle n’avait pas le courage de parler. La dernière fois qu’ils se sont vus, ils se caressaient le visage, le nez on aurait dit deux extra-terrestres. Je n’ai rien vu d’aussi beau“Arthur H.
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En ce moment aux obsèques de Jacques Higelin au Père Lachaise. Photographie de Timothée Rolin. Pour continuer à écouter sa musique, revoir ses films, ses concerts, rendez-vous dans les #bib2paris https://t.co/YlQ8jvoDXg #JacquesHigelin #Higelin #PèreLachaise pic.twitter.com/holDSQslOw
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#Higelin Au Père Lachaise les amis et fans du poète écoutent calmement les chants des oiseaux en l' attendant pic.twitter.com/FvDUmlsENK
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Le cirque d’hiver s’apprête à célébrer l’un des siens : le grand Jacques Higelin pic.twitter.com/XEQMBG2TB7
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Aus „Die schöne Geschichte von der hässlichen Kröte und andere Gemeinheiten“, LAPPAN, Oldenburg, 1999. Original: „Les chroniques de la haine ordinaire“, Éditions du Seuil, Paris, 1987. Deutsch von Sven Knoch, Lektorat: Peter Baumann.
16. Juni 1986
Setzen wir einmal voraus, die Norm definiere denjenigen als menschlich, so er nur zwei Arme und zwei Beine sein eigen nennt, dann lassen es die in diesem Sinne normalen Menschen immer wieder senderübergreifend über sich ergehen, wie schwitzende Horden in kurzen Hosen auf Rasenflächen so entwürdigende wie klobige Verrenkungen ausführen, im Streit um die lächerliche Ehre, Meister des Ballspiels mit dem Fuße zu werden.
Hier ist der Unterschied zwischen dem Affen und dem Menschen: der Erstgenannte hat entweder zu viele Arme, oder zu wenig Beine, um sich zum Fußballspielen herabzulassen.
Fußball. Welche Sportart ist schwachsinniger, plumper und weniger graziös als der Fußball? Welche Art von Harmonie und Eleganz soll ein primär ästhetisch empfindender Mensch im unbeholfenen Herumgerenne von zweiundzwanzig behaarten Vollidioten finden, die einen aufgeblasenen Ledersack wie einen Haufen Scheiße durch die Gegend treten, und die dabei das ordinäre Röcheln verendender Ochsen hervorbringen?
Welcher notgeile Straßenköter, welcher noch so räudige, verlauste Streuner würde es wagen öffentlich seiner Libido Ausdruck zu verleihen so wie Fußballer es tun, wenn sie im Achterpack unter wildem Schulterklopfen mit ihren fettfeuchten Pranken übereinander herfallen, begleitet von affigen Kehllauten, die jeden Dorfrocker vor Neid erblassen lassen? Welcher noch so abgebrühte Schläger, welches noch so hirnlose Monster aus einer dieser Weltuntergangssekten würde mit so viel Freude über Leichen gehen, wie wir es vor Jahren im belgischen Heyselstadion live miterleben durften, als alle mal wieder vor Freude ausgeflippten und es dabei schließlich auf 40 Tote brachten – nur weil das Ballaballa nicht dahin gekickt wurde, wo es ihnen lieb gewesen wäre?
Fußballer – ich hasse Euch. Nur einmal habt ihr mich vom Hocker gehauen, damals bei der Weltmeisterschaft in Mexiko. Als ihr von den aztekischen Fritten den mexikanischen Dünnschiss bekommen hattet. Ach, wie hätte ich mich abgerollt, wenn die Amöben die Kicker noch bis zum Ende des Turniers ins gesundheitliche Abseits manövriert hätten, aber das hat der liebe Gott ja nicht gewollt. Was mich nicht besonders erstaunt. Denn auch Gott ist einer von euch. Er ist wie ihr, Fußballer. überall, zu jeder Zeit, und was man auch tut, wo man sich auch verkriecht, man entkommt ihm nicht.
Schon als ich klein war, dachte ich lange, ich sei irgendwie anomal, weil ich Fußball schon damals nicht abkonnte. Ich lehnte es hartnäckig ab, Fußball zu spielen, ob in der Schule oder auf der Straße. Also riefen sie mir nach: «He, da kommt unser Mädchen!» oder «Na, wieder krank?» So sehr ist war die Idee der Abnormität fest verbunden mit der des Nichtfußballers.
Aber ich zeig’s Euch. Ich war zum Beispiel nie krank. Und was die weiblichen Züge angeht, mit denen ihr mich aufgezogen habt, sie sind nach wie vor ein Teil von mir, und sie bringen mich dazu, dass ich, wenn ich läufig bin, die Gesellschaft von Frauen suche. Und zwar Eure inbegriffen. Ihr müsst nicht glauben, dass ich davor zurückschrecke, mir in aller Ruhe mit ihnen die Zeit zu vertreiben, während ihr in den Stadien herumzuckt.
Ätsch, bätsch.
Im Weglassen, so sagt man, läge die Kunst. Der irische Künstler und Musiker Dan Walsh hätte sicher eigene Comics zeichnen können. Stattdessen machte er 2008 ein Blog auf und postet dort seidem jeden Tag einen eingescannten Garfield-Comic. Ach ja: nachdem er den gefräßigen Kater daraus entfernt hat. So dass nur noch sein Besitzer Jon in den Kästen herumturnt und nunmehr Selbstgespräche führt. Offensichtlich ist die kreative Fallhöhe dieser Aktion hoch genug, dass das Resultat dieses so dreisten wie genialen Konzepts unter dem Titel „Garfield minus Garfield“ zu Besprechungen im New Yorker, der New York Times, dem Rolling Stone Magazine und der Washington Post sowie, jawoll, einer Buchveröffentlichung führte. Ich… mir fehlen die Worte. Aber es ist auch lustig. Aber mir fehlen die Worte.
Reklame ist etwas, an das alle Menschen gewöhnt sind. Nachts rast Birne über die Stadt hin und her und zeichnet eine gelbe Schrift an den Himmel. Sie heißt: „Pipi trinken!“ – „Wir haben kein Pipi“, sagt der Wirt. – „Wir wollen aber Pipi“, sagen die Gäste und rufen, „Pipi, Pipi, Pipi!“Aus: Günter Herburger, Birne kann noch mehr; S. 33 ff. Luchterhand 1971
Auffällig ist, wie kritik- und kriterienlos Kunden grafischer Dienstleistungen auftreten. Wenn es um Fußball oder das Auto geht nimmt es der Teutone ganz genau. Er informiert sich, er weiß Bescheid und er legt gern Geld für Stadionticket und einen schicken neuen Flitzer hin. Mit Grafik ist das anders. Wäre Fußball eine grafische Dienstleistung, wüßte der Durchschnittsbürger Bayern München nicht von einem Regionalligaverein zu unterscheiden (gut, das geht auch den Leuten mit Kenne derzeit so) und man könnte ihm erzählen, der Ottomotor sei von einem greisen ostfriesischen Komiker erfunden worden. Davon profitieren die Wegelagerer des grafischen Gewerbes, die erfolgreich Drittliga-Gestaltung als High-End-Grafik anpreisen (und abrechnen). Ein Auszug aus der philosophischen Abteilung eines digitalen Dienstleisters:
„Kreativität ist ein schöpferischer Prozess, der nicht erlernbar ist sondern nur als eine vorhandene Gabe entdeckt und angenommen werden kann. Diese Gabe gilt es zu entdecken und zielgruppenorientiert und kundenspezifisch einzusetzen.“
Eine Gabe, die ein Prozess ist, der angenommen werde kann. Aha, aha. Herr Präsident, ich nehme die Kreativität an, sowahr mir Gott helfe. Und die Rubrik „unsere Philosophie“ ist nur eines der gern betretenen Fettnäpfchen in den Selbstdarstellungen grafischen Wegelagerertums, das gern in Begleitung von überheblichem Schwulst mit als Serviceleistung getarntem Dilettantismus große Teile Marktes überschwemmt.
Kreativität als schöpferischen Prozess weder entdeckt und angenommen haben die beauftragten Gestalter eines beliebten Open Airs, dessen bewerbendes Portal bei der Auftragsvergabe entweder strunzbesoffen oder pathologisch ästhetikresistent gewesen sein müssen – hier das Ergebnis der [sic!] schöpferischen Prozesse des sich gleich unter dem Seitenkopf mit einem saftigen „powered by“ in Szene drängende Webdienstleisters:
Das hat den ästhetischen Charme einer Internet gewordenen Powerpointpräsentation der Klofrau des Hausmeisters, das ästhetische Unterlassungsdelikt fällt aber niemand auf, denn die Kundschaft scheint so blind wie die Dienstleister. Noch ein Beispiel, diesmal aus der Welt der analogen Herrlichkeiten: Um ein 17.000köpfiges Publikum – so viele gehen in die Berliner O2-Arena – warben die Ostrock-Veteranen „Die Puhdys“ mit den folgendem visuellen KO-Tropfen samt typografischer Vergewaltigung:
Gut, man kann schon sagen: „Bei denen ist das egal, die füllen in Ostberlin jede Halle, auch wenn sie benutztes Klopapier anschlagen.“ Natürlich. Man kann auch ein perfekt gegrilltes Filetsteak in eine Pappschale werfen und im zugigen Bahnhofsgrill neben irgendeinem nach Pisse stinkenden Faktotum servieren. Man kann das machen und es wird gemacht, weil es wirtschaftlich Sinn macht: Wenn man ihr lange genug Scheiße aufs Auge haut, wird die Kundschaft am Ende blind. Und das Gesetz der größten Schnittmenge lehrt: Blinde brauchen keine Blümchentapete.
Natürlich ist das alles ganz weit hergeholt. Am Ende geht Scheiße natürlich doch nicht für Gold durch, und die Kundschaft macht – und das ist der Immobilienskandal der Grafikbranche – schließlich kein Geld mehr für Plakate und Internet locker, weil sie in jeder Hinsicht mit nichts Gutem mehr rechnet.
Und das ist scheiße.
„I would have sold my soul to play in The Godfather. But I never get those parts. They’re not offered to me. That’s all.“Orson Welles
Ich arbeite nachts, wenn ich viele Projekte gleichzeitig mache. Menschen, mit denen ich vor dreißig Jahren gemeinsam loslegte sind heute ohne mich Millionäre. Ich mache, während sie langsam alle wegen Reichtum geschlossen haben, immer noch viele Projekte gleichzeitig und alle selbst, scheuche keine Praktikanten und Junggrafiker durch die Gegend. Meine Benefits? Ich verbringe meine Nächte mit lustigen, sehr talentierten Menschen. Heute Nacht habe ich Dick Cavett, Alfred Hitchcock und Orson Welles zu danken. It was nice having you.
https://youtu.be/OvNla9-u6xM
https://youtu.be/jMh7pbYr8DQ
Sven K. – JournalSven Knoch2026-09-14T02:38:49+02:00
